IGTV bleibt Instagrams Sorgenkind

IGTV bleibt Instagrams Sorgenkind – dabei wäre die Lösung doch so einfach.

In Instagram by Patrick NixLeave a Comment

Im letzten Frühjahr mit großen Erwartungen gestartet, ist es in den letzten Monaten still um Instagram TV (kurz:IGTV) geworden. Der große Angriff auf Longform-Video-Plattformen wie YouTube und Switch ist offensichtlich ins Stocken geraten.

IGTV hat drei große Probleme

IGTV sollte es Instagram-Nutzern erlauben, auch längeren Video-Content zu veröffentlichen und zu konsumieren. Anders als bei Videos im Feed (max. 60 Sekunden) oder Stories (max. 15 Sekunden) können auf IGTV Videobeiträge eine Länge von bis zu 60 Minuten haben. Damit bewegt sich Instagram in einem direkten Spannungsverhältnis mit YouTube und Twitch, die seit eh und je längere Videos zulassen.

Doch IGTV kam bislang nicht so recht ins Rollen und bereitet Instagram offenbar bis heute Kopfzerbrechen.

Die Probleme lassen sich an drei Beobachtungen deutlich ablesen. Zunächst wäre da das Offensichtliche: Die Downloadzahlen. Während die Standalone-App im ersten Monat nach ihrem Release noch 1,5 Millionen mal heruntergeladen worden ist, stagniert diese Zahl bei 3,5 Millionen Downloads weltweit.

Diese Zahl würde für ein Startup sicher gut aussehen, ist aber für einen Ableger eines der größten Social Media-Dienste schlicht enttäuschend.

Man kann hier natürlich einwenden, dass für das Betrachten von Content via IGTV die Standalone-App nicht gebraucht wird. Über einen Menüpunkt in der normalen Instagram-App, kann jeder Nutzer ohne Weiteres auf die langen Video-Inhalte zugreifen.

Wenn er dies tut, dürfte er zunächst enttäuscht werden. Insbesondere wenn er die Funktionsweise von YouTube gewohnt ist.

Problem Nummer zwei ist nämlich die Unübersichtlichkeit von IGTV, Ein klares Ordnungsprinzip scheint es nicht zu geben. Wer hier ein bestimmtes Video sucht, das womöglich schon einige Tage alt ist, ist verloren. Suchfunktion: Fehlanzeige. Da wirkt YouTube deutlich aufgeräumter und damit schlicht auch komfortabler.

Und damit kommen wir schließlich zum dritten Problem: Die Creators wissen mit der „neuen“ Plattform schlicht und ergreifend nichts anzufangen. Für die einen ist IGTV schlicht ein weiterer Ort um alten Content zu recyceln. Andere veröffentlichen hier zusammengeschnittene Versionen ihrer Stories. Dieses Gebaren macht aber die Stories obsolet. Für eine durchdachte Social Media Strategie muss hier früher oder später der Moment des Innehaltens kommen, um die Frage zu beantworten ob es nicht mittelfristig kontraproduktiv ist, wenn sich IGTV und Stories mit dem selben Content gegenseitig kanniballisieren.

Wirklich originären, hochwertigen Content schaffen aktuell nur wenige. Herauszuheben sind hier sicherlich Accounts wie jener des Fotografen Paul Ripke, der auf IGTV ein tägliches Format bespielt, dass den Eindruck eines Video-Tagebuchs erweckt. Für die meisten User gilt jedoch zu konstatieren, dass sie offensichtlich keine Ideen haben, wie sie die Plattform sinnvoll inhaltlich bespielen können.

Instagram versucht IGTV in den Fokus zu rücken.

Diese Lücke zwischen den gigantischen Erwartungen und der tristen Realität ist natürlich auch Instagram nicht entgangen. Nicht verwunderlich ist es deshalb, dass zuletzt immer mehr Versuche unternommen wurden, um IGTV mehr ins Bewusstsein der User zu rücken.

In einem ersten, meines Erachtens nach auch wichtigen Schritt, erlaubte es Instagram seinen Usern aus Stories heraus auf ihre IGTV-Videos hinzuweisen und diese gar durch die bekannte Swipe-up-Geste zu verlinken. Solche Verlinkungen sind prinzipiell ansonsten nur verifizierten Accounts, sowie großen Accounts mit mehr als 10.000 Followern vorbehalten. Gerade auch deshalb dürfte diese neue Möglichkeit, seine IGTV-Beiträge zu promoten, schlicht an vielen Usern vorbei gegangen sein.

Jüngst folgte der nächste Schritt um das allgemeine Bewusstsein für IGTV zu schärfen: Ab sofort erscheinen einminütige Previews der ansonsten längeren Videos auch im normalen Feed. Auch das Format dieser Previews orientiert sich durch sein 1:1-Format an normalen Beiträgen. Bei einem Click darauf öffnet sich das komplette Video im 9:16-Format.

Auch diesen Schritt finde ich prinzipiell richtig, denke aber dass er etwas zu früh kommt. Durch den Bruch des Bildformats, könnten hier seltsame Stilblüten entstehen, die den Nutzer nicht unbedingt zum klicken anregen. Es ist für einen Video-Creator schlicht ein Unterschied, ob er einen Film Hinblick auf ein 1:1 oder ein 9:16-Ergebnis dreht. Nicht unwahrscheinlich, dass wir hier demnächst zahlreiche abgeschnittene Köpfe zu sehen bekommen.

Für verfrüht halte ich diesen Schritt insbesondere in Hinblick auf die gerüchteweise anstehende Umstellung des Instagram-Feeds auf horizontale Bedienung. Wenn dieser, zugegeben radikale Schritt vollzogen wird, machen die Previews absolut Sinn. In der jetzigen Form wirken sie allerdings etwas improvisiert.

Was Instagram tun sollte, um IGTV zum Erfolg zu verhelfen.

Tja, was könnte Instagram denn nun machen, um seiner Plattform zum Durchbruch zu verhelfen?

Die Antwort liegt nach meinem Dafürhalten auf der Hand: Wenn man sich anschaut was die zwei wichtigsten Stakeholder kritisieren, lässt das nur einen Schluss zu. Während die Creators, wie oben angesprochen, nicht wissen was sie auf der Plattform veröffentlichen sollen, finden sich die User darauf nicht zurecht.

Was helfen könnte wäre eine simple Ergänzung des Interfaces: Eine Suchmaske. In dem Moment, in dem dem die User nach konkreten Begriffen suchen können und ihnen die Plattform passende Ergebnisse liefert, sind deren Probleme weitestgehend gelöst.

Für die Creators bietet diese kleine Neuerung ebenfalls interessante Optionen. Die Erstellung von Video-Content ist verhältnismäßig aufwendig. Viele professionelle Video-Creators scheinen diesen Aufwand zu scheuen, wenn es darum geht, das Ergebnis einzig auf IGTV zu veröffentlichen. Gerade deshalb entsteht ja die Tendenz zur oben beschriebenen Zweitverwertung.

IGTV bekommt durch den relativ vergänglichen Content den Charme einer Plattform, auf der eher Content der Marke „quick and dirty“ abgespielt wird. Genau dafür gibt es aber eigentlich die Stories. IGTV will hochwertigen, gut produzierten Content. Der findet sich bislang aber primär auf Youtube statt.

Der entscheidende Punkt ist der, dass die meisten großen Creators auf YouTube einen großen Teil ihrer Views aus der Backlist generieren. Das bedeutet, dass bei aller Popularität der aktuellen Beiträge, sehr viele User gezielt nach alten Beiträgen suchen.

Kluge Content-Strategen setzen deshalb gerade auf YouTube immer stärker auf Evergreen Content, der auch mit einigem Abstand zum Erstellungsdatum noch Relevanz hat. Solche Beiträge müssen auch auf IGTV erscheinen und vor allem: gefunden werden, damit die Plattform erwachsen wird.

Ergo: Instagram, und damit auch IGTV, muss besser durchsuchbar werden um für hochwertigen Video-Content attraktiv zu werden. Ansonsten droht der vielversprechenden Plattform ein anhaltendes Siechtum im Schatten des großen Bruders.

Dass sich Instagram der Problematik der Durchsuchbarkeit durchaus bewußt ist, zeigt die jüngste Einführung von Alt-tags bei normalen Bildpostings im Feed. Auch wenn öffentlich bislang stets darauf hingewiesen wurde, dass dieses Feature primär der Herstellung von Barrierefreiheit dient, ist die technische Relevanz zu groß, als dass sie für die Ingenieure hinter der Plattform keine Rolle gespielt haben könnte.

Meines Erachtens nach ist dies ein klarer Fingerzeig darauf, wohin die Reise geht.

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