Was wurde eigentlich aus Google+?

was wurde aus Google+

Was wurde eigentlich aus Google+?

Die Älteren werden sich erinnern. Um Facebook die Dominanz auf dem Social Media-Markt nicht kampflos zu überlassen, begann Google ein eigenes Netzwerk aufzubauen. Google+ wartete von Beginn an mit tollen Features auf, die Facebook bis heute nicht hat. Dafür hat Facebook etwas für Social Media extrem wichtiges: aktive Nutzer. Nun kündigte Google den Beginn des Endes seines sozialen Netzwerks an.

Was wurde aus Google+? – Geisterstadt oder lebender Toter?

Manchmal gibt es seltsame Koinzidenzen. Da setze ich mich an einen ausführlichen Text über den Status quo von Google+, als nur kurze Zeit später die Bombe platzt:

Ein Account bei Google+ soll künftig nicht mehr die persönliche ID eines Users für die Nutzung der Google-Dienste sein. Als erstes soll dieser Paradigmenwechsel bei Youtube stattfinden. Um hier zu kommentieren oder Videos bereitzustellen, soll schon in Kürze kein G+-Account mehr notwendig zu sein.

Es scheint, als würde sich das Ende von Google+, das sich ohnehin bereits abgezeichnet hat, nun um einiges beschleunigen. Dennoch lohnt es sich, sich Google+ noch einmal genauer anzusehen. Denn entgegen aller Unkenrufe lebt Google+ und hat noch immer einen harten Kern an Stammusern. Auch wenn dieser harte Kern weit vom Mainstream-Internet-Nutzer entfernt ist.

Und das hat seine Gründe.

Ich war eigentlich von Anfang an begeistert von Google+. Gerade für Blogger und Content-Creators bot das Netzwerk einiges. Für den Durchschnittsuser waren es Killer-Applikationen wie der Videochat oder die Option, Postings zu formatieren, die Netzwerk attraktiv und Facebook überlegen machten. Was fehlte, waren die User.

Asche auf mein Haupt: Ich bin in letzter Zeit auch längst nicht mehr so aktiv, wie ich es einst war.

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Mehr noch: In meinem Social-Media-Seminar spielt Google+ heute nur noch eine Nebenrolle. Ich trage also in gewisser Weise dazu bei, dass Google+ stagniert. Und damit bin ich nicht allein.

So schrieb beispielsweise der amerikanische Blogger Ryan Hanley über die letzten Jahre viele teils schon enthusiastische Beiträge über die Vorzüge von Google+. Wie auch ich, war er davon überzeugt, dass das Netzwerk viele Vorteile gegenüber seiner Konkurrenz hat. Jüngst erschien dann ein sehr pessimistischer Post von Ryan.

Auf der anderen Seite äußerte sich mobiligeeks-Autor Bernd Rubel jüngst sehr wohlwollend gegenüber dem Netzwerk, mit dem Google doch eigentlich alles besser machen wollte als bei seinem ersten Social Media-Anlauf „Orkut„.

Wo stehen wir denn jetzt?

Im Folgenden möchte ich den Status Quo von Google+ anhand von drei Beobachtungen sezieren. Vielleicht sehen wir ja dann klarer.

#1 Die These von der Geisterstadt

Riskieren wir doch mal einen Blick auf die nackten Zahlen. Diese liefert uns eine ausführliche Untersuchung von Global Web Index. Darin wurden über 83000 Internet-Nutzer zwischen 16 – 64 Jahren aus der ganzen Welt (mit Ausnahme von China) zu ihrem Nutzungsverhalten auf sozialen Plattformen befragt.

60% der Befragten gaben darin an, ein Profil bei Google+ zu besitzen. Als „aktive Nutzer“ bezeichneten sich hingegen nur 21%.

Auch wenn diese Zahlen schon deutlich auseinandergehen, lassen sie sich dennoch in beachtliche Nutzerzahlen übersetzen. Google gibt an, 2,2 Milliarden Accounts auf Google+ zu haben. Selbst aktive 21% davon sind noch immer beeindruckend.

Das Problem liegt in der sehr geringen Interaktionsfreudigkeit der Mitglieder. Selbst wenn andere soziale Netzwerke deutlich weniger Nutzer haben, so engagieren sich diese wenigen Mitglieder doch so sehr, dass diese Netzwerke deutlich attraktiver sind. Google scheiterte schlicht daran, seine Mitglieder auf der Plattform zu halten. Aufgrund allgegenwärtiger Netzwerk-Effekte kann so kein erfolgreiches Social Network entstehen.

Zum Vergleich: 42% aller Internte-Nutzer bezeichnen sich als aktive Facebook-Nutzer.

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Zu einem noch tristeren Bild kommen die Analysten von Stone Temple Consulting, die sich mehr als 500.000 Profile auf Google+ näher angesehen haben. Ihre Erkenntnis: Auf Google+ ist nichts los. Die vermeintliche Aktivität mancher Profile kommt überwiegend aus automatischen Postings, basierend auf Kommentaren und Shares auf Youtube.

Weitere Ergebnisse:

  • Über 91% der Profile auf Google+ sind leer. Ihre Besitzer haben niemals etwas gepostet oder ihr Profil auch nur ausgefüllt. Diese Nutzer dürften durch die G+Pflicht bei der Verwendung von Youtube und Googlemail entstanden sein

  • Nur 16 Millionen Menschen posten monatlich auf Google+

  • Von 2,2 Milliarden sind nur 212 Millionen aktiv

  • Grade an Aktivität:

    • 10 oder mehr öffentliche Postings: 21,8 Millionen Nutzer

    • 50 oder mehr öffentliche Postings: 6,65 Millionen Nutzer

    • 10 oder mehr öffentliche Postings im letzten Monat: 1,93 Millionen Nutzer

    • 50 oder mehr öffentliche Postings im letzten Monat: 106022 Nutzer

Angesichts dieser Zahlen, kann der These von der Geisterstadt wohl kaum widersprochen werden. Insbesondere im direkten Vergleich zu Facebook zieht Google+ ganz klar den Kürzeren.

Facebooks aktuelle Zahlen weisen eine Nutzergemeinde von 1,44 Milliarden Facebook-Usern auf. Diese laden täglich 400 Millionen Photos hoch, teilen 4,75 Millionen Beiträge. Durchschnittlich verfasst der Facebook-User 90 Beiträge im Monat.

Im Gegensatz dazu kommt Google+ insgesamt nur auf 16 Millionen Postings im Monat.

Das sind schwache Zahlen. Daran kann auch die Annahme von Heavy Usern nichts ändern, dass ein Großteil der Aktivität auf Google+ nicht-öffentlich stattfindet.

Auch diese Aussage schaute sich Stone Temple Consulting näher an. Zu diesem Zweck rückten sie Seitenaufrufszahlen in den Fokus. Die Profile der aktiven User weisen im Durchschnitt 45.000 Views auf. Unter der Annahme, das viele der scheinbar inaktiven Accounts nicht-öffentlich viel teilen und posten, sollten deren View-Zahlen also zumindest in diese Regionen kommen. Die Realität sieht jedoch anders aus: Im Durchschnitt wurden diese Profile nur 2000 mal aufgerufen.

Auf Forbes.com veröffentlichte Marketing-Professor Scott Galloway noch desaströsere Zahlen: Die Aktivitätsrate auf Google+ ging im vergangenen Jahr um 98% zurück. Autsch.

Zusammenfassung: Trotz größter Anstrengungen ist es Google+ nicht gelungen einen echten Herausforderer für Facebook zu schaffen. Tatsächlich gleicht Google+ einer Geisterstadt.

Die Vermutung liegt nahe, dass durchschnittliche Internet-Nutzer nicht in der Lage sind, mehr als ein Allround-Netzwerk zu bespielen.

#2 Die These von den Heavy Users auf Google+

Und trotz allem soll es ja durchaus geben, die treuen Fans und Anhänger von Google+. Dies bestätigt auch Global Web Index. Demnach besuchen 56% der aktiven Nutzer von Google+ die Plattform mindestens ein mal am Tag.

Das Problem: 56% von wenig ist noch immer nicht sonderlich viel.

In dieselbe Kerbe schlägt auch Stone Temple Consultulting. Ja, es gibt User die mehr als 50 Postings im Monat schreiben. Nur sind ihre Zahlen extrem gering: 106.022 Nutzer, anders ausgedrpckt: 0,0005% der Mitglieder von Google+ füllen das Netzwerk regelmäßig mit Content. Dazu Mark Traphagen von STC in Marketing Land:

“Every day I’m involved in dozens of stimulating conversations on Google+ with people from all over the world. There are huge, enthusiastically active communities, both public and private. Is it Facebook? Not even close (but what else is?). Yet there is plenty of life there.”

Zusammenfassung: Es ist Google+ durchaus gelungen, einige Menschen zusammenzubringen und sicher auch das ein oder andere Geschäft anzukurbeln. Gemessen an dem extremen Aufwand, der rund um das Netzwerk betrieben wurde, sind die Zahlen aber eine einzige Katastrophe. Die treuen Nutzer scheinen sich allerdings an die Annehmlichkeiten des Netzwerks gewöhnt zu haben und möchten diese nicht mehr missen.

#3 Die These vom Propheten, der in der Heimat nicht gewürdigt wird.

Kann es vielleicht sein, dass Google+ lediglich in Nordamerika und Europa Probleme hat, weil Facebook hier einfach zu dominant ist? Erinnern wir uns an Orkut, dem ersten sozialen Netzwerk aus dem Hause Google.

Orkut konnte sich im Heimatmarkt USA und auch in Westeuropa nie durchsetzen. In Südamerika war es jedoch für lange Zeit absolut dominant. Könnte ähnliches auch auf Google+ zutreffen?

Vielleicht.

In Indien besitzen 80% aller Internet-Nutzer einen Account bei Google+, etwa die Hälfte dieser User ist auch aktiv. Vergleichbare Zahlen zeigen auch Mexiko, Malaysia, Thailand, Süd-Afrika und andere Länder auf. Auf der anderen Seite spielt Google+ in Deutschland, Frankreich und den USA quasi keine Rolle. Ein Zufall?

Global Web Index spekuliert deshalb, dass junge aufstrebende Volkswirtschaften typischerweise einen größeren Anteil an urbanen und gut ausgebildeten jungen Leuten haben. Also genau der Zielgruppe, in der Google+ am stärksten ist.

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Zusammenfassung: Natürlich erzählen Zahlen nie die ganze Geschichte. Dennoch rücken sie den vermeintlichen Status quo etwas zurück. In Deutschland und Amerika beherrscht Facebook ganz klar die Szenerie. Das bedeutet jedoch nicht, dass Google+ weltweit unterlegen ist.

Ob der Erfolg in den Schwellenländern den enormen Aufwand rechtfertigt, den Google mit seinem sozialen Netzwerk betrieben hat? – Es ist zu bezweifeln. Und so verwundern auch die jüngsten Ankündigungen wenig, dass Google+ künftig kein integraler Bestandteil der anderen Google-Services sein wird.

Fazit

Es bleibt spannend. Anders als so mancher Kollege würde ich mich heute noch nicht dazu hinreißen lassen und von einem nahen Ende von Google+ ausgehen. Dazu sind die Zahlen schlicht zu divers.

Ich vermute, dass Google+ in einer Transformation begriffen ist, deren Ergebnis heute noch niemand kennt. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass Google+ vollständig abgewickelt wird, auch wenn das derzeit das vorherrschende Bild zu sein scheint.

Meine Vermutung: Google+ wird sowohl als LogIn-Schnittstelle für externe Dienste, als auch als Kurations-Plattform bestehen bleiben. Als solche leistet es noch immer gute Dienste und kann sich insbesondere in der Gruppe der Professionals neben dem wuseligen Facebook und dem stark visuell ausgerichtetem Pinterest behaupten.

1 Comment

  1. Andreas Gaspar , on Jan 30, 2016 at 14:37 Antworten

    Hallo, Patrick! Danke für deine Einschätzung. Dieser Artikel macht selbst mir leicht verständlich klar wie es um die Machtstellung von Google+ bestellt ist. Es bleibt wirklich nur zu hoffen, dass Google+ nicht zu einer wirklichen Geisterstadt mutiert. Auch ich bin der Meinung, dass Google+ in der Tat seine Daseinsberechtigung hat und auch behalten wird. Google+ wird noch mehr seine Stärke ausspielen können, wenn es wirklich eine größere Reaktivität der „User“ gibt. Es wäre wirklich schade, wenn immer mehr Google+-Accounts nur durch die Nutzung von YouTube oder Gmail zustande kommen würden. Gerade wir wissen ja, aufgrund der gemeinsamen Ausbildung bei Jeroen Smid, die Vorzüge von Google+ zu schätzen.

    Es hat mich gefreut von dir zu hören.

    Gruß
    Andreas Gaspar (IndLogSeo)

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