Mark Zuckerberg Facebook

10 Gedanken zum „Facebook-Skandal“

In Blog by Patrick Nix

Okay, gewagte These. Fertig? Dann los: Es gibt keinen Facebook-Skandal. Es gibt auch keinen Skandal um Cambridge Analytica. Es gibt einen Skandal über die Medienkompetenz. Der User. Und der Medien.

    1. Du bist nicht Facebooks Kunde. Du bist sein Produkt.
      Dieser Gedanke ist natürlich nicht auf meinen Mist gewachsen. Am prominentesten wurde er sicherlich von Jaron Lanier vertreten. Ob der wiederum der Urheber ist, weiß ich nicht.Das ändert aber nichts an seiner Richtigkeit. Facebook verdient durch seine mehr als 2 Milliarden Mitglieder zunächst kein Geld, einen Mitgliedsbeitrag gibt es nicht. Dennoch stellt Facebook umfassende Leistungen für seine Mitglieder zur Verfügung. Jedes im Kapitalismus aufgewachsene Menschenkind sollte angesichts dessen also zumindest skeptisch werden.Auch demjenigen, der sich über digitale Geschäftsmodelle keine weiterreichenden Gedanken macht, sollte nicht verborgen geblieben sein, dass es auf Facebook Werbung gibt und dass diese Werbung ziemlich gut zu den eigenen Interessensphären passt. Ergo: Facebook verwertet die Daten, die seine Nutzer durch ihre bloße Facebook-Nutzung generieren.Die tatsächlichen Kunden von Facebook sind demzufolge die werbetreibenden Unternehmen, nicht die Nutzer. Diese Wahrheit liegt auf der Hand, mündige Internetnutzer sollten sich dessen bewußt sein.
    2. Es steht jedem Nutzer frei, seine Privatsphäre-Einstellungen dementsprechend einzustellen, dass er nicht mehr Daten als nötig preisgibt. Niemand wird gezwungen, innerhalb von Facebook Apps zu installieren oder externe Anwendungen mit Facebook zu verknüpfen.Der einzige Vorwurf, der Facebook hier gemacht werden kann, ist der, dass die Default-Einstellungen nicht im Sinne der Privatsphäre seiner Nutzer sind. Wer diesen Aspekt kritisiert, vergisst allerdings, dass auch Facebook ein Unternehmen mit Gewinnerzielungsabsicht ist, wie jedes andere auch.Warum sollte sich Facebook nun seiner eigenen Einnahmequelle berauben? Zumal das Gesellschaftsrecht in den USA, wie auch in Deutschland einem solchen Unterfangen durchaus Steine in den Weg läge.
    3. Wer Facebook kritisiert, kritisiert das moderne Internet. Es ist mir durchaus ein Rätsel, weshalb Facebook eine solche Wut auf sich zieht. Schließlich macht Facebook nichts anderes, als es auch Google, Twitter, Amazon usw. tun.Wer nun das Geschäftsmodell von Facebook infrage stellt (und das steht natürlich jedem frei) und sogar soweit geht, seinen Account zu löschen, sollte sich zumindest den Vorwurf der Inkonsequenz gefallen lassen, wenn dann weiterhin Google und Konsorten nutzt. Das Modell ist letztlich bei all diesen Plattform-Unternehmen gleich oder zumindest ähnlich angelegt.
    4. Fangt endlich an, on- und offline mit denselben Maßstäben zu messen. Wer das Targeting, also das zielgruppenorientierte Ausspielen von Werbeanzeigen so furchtbar findet, dass er Facebook deshalb den Rücken kehrt, der sollte das dann konsequenterweise auch mit der deutschen Post tun. Die kriegen das offline nämlich auch ziemlich gut hin.
    5. Cambridge Analytica hat das Rad nicht neu erfunden. Der Entwicklung von Persönlichkeitsprofilen liegt eine jahrzehntelange Forschung zugrunde. Cambridge Analytica hat sich dieses Wissen zu eigen gemacht und mit den Daten von Facebook-Nutzern getestet. Damit waren sie aber nicht die ersten, ganz im Gegenteil wird sowas in jeder Online-Agentur der Welt gemacht, wenn auch nicht immer in diesen Ausmaßen und dieser inhaltlichen Stoßrichtung.
    6. Apropos inhaltliche Stoßrichtung: Hört auf, mit zweierlei Maß zu messen! Der Grund, weshalb dieser vermeintliche Skandal gerade durch die Decke geht, liegt nicht im angenommen Missbrauch der Daten.Im Kern, so ehrlich sollten gerade auch die Medien sein, geht es doch darum, was mit diesen Daten angestellt wurde. Cambridge Analytica hat die Trump Kampagne und offenbar die Brexit-Befürworter unterstützt. Von beiden bin ich sicher kein Fan, dennoch sollten wir hier auf dem Teppich bleiben. Die gleichen Techniken hat exakt vier Jahre zuvor die Obama-Kampagne angewandt. Damals wurde dies als revolutionäre Data Science abgefeiert.
    7. Schuld sind nicht die Algorithmen, sondern die Ignoranz des Menschen. Ja, ganz genau. Es wird immer behauptet, dass Algorithmen für das Entstehen von Filterblasen verantwortlich sind, dass also Programmcode dafür sorgt, dass wir auf Facebook nur noch das sehen, was unseren eigenen Ansichten entspricht.Diese Behauptung ist natürlich nicht ganz falsch, der Facebook-Algorithmus sorgt dafür, dass wir mehr von dem sehen, mit dem wir viel interagieren. Interaktion bedeutet auf Facebook auf Facebook vor allem Zustimmung. Die Annahme: Durch wiederholte Zustimmung zu politischen Thesen, programmieren wir den Algorithmus darauf, uns mehr davon zu geben.So weit, so richtig. Doch wer hat dich dazu gezwungen, deine rechtsradikale Cousine und den militanten Religionslehrer zu entfreunden? Auch Gegenrede ist Interaktion. Und zugleich zeigt sie uns, was es da draußen noch so alles gibt. Abseits unserer eigenen Blase. Richtig, unsere Echokammern und Filterblasen errichten wir uns in erster Linie selbst.
    8. Cambridge Analytica hat keine Wahlen manipuliert, sondern lediglich die Lager polarisiert. Es ist doch eine wahnwitzige Idee, zu glauben, dass jemand durch einen Facebook-Post seine Wahlentscheidung verändert.Wer den Stuss glauben möchte, den die Trump-Kamapagne verbreitet hat, der tut das weil er offen für diese Art von (gefährlichem) Blödsinn ist. In den Brunnen gefallen ist das Kind aber schon vorher. Einerseits, als dieser jemand nicht gelernt hat, eine seriöse von einer unseriösen Quelle zu unterscheiden. Andererseits, als sich diejenigen, die dem Blödsinn widersprechen könnten, sich von ihm digital entfernt haben.
    9. Wer das Internet regelmäßig benutzt, sollte ein grundlegendes Verständnis für seine Funktionsweise entwickeln. Das betrifft die Algorithmen, das betrifft die sozialen Mechanismen, das betrifft vor allem aber auch die zugrundeliegenden Geschäftsmodelle.Die allgemeinen Verkehrsregeln und Umgangsformen die unseren Alltag in der Kohlenstoffwelt prägen, haben häufig ihre Entsprechungen im digitalen Raum. Wir sollten sie aber auch zu Anwendung bringen.

 

 

Statt eines Fazits, drei Gebote für den verständigen Internetnutzer

      1. Nichts ist kostenlos. Wenn du ein gutes Angebot bekommst, für das du kein Geld bezahlen musst, bezahlt höchstwahrscheinlich mit deinen Daten. Das ist nicht zwangsläufig schlimm, dessen solltest du dir aber bewußt sein.
      2. Es gibt Möglichkeiten, das Netz datensparsam zu benutzen. Cookies löschen, Tor-Browser installieren, Wegwerf-Email-Adressen. Alles kein Hexenwerk, aber man sollte sich damit kurz auseinandersetzen.
      3. Schau über den Tellerrand und lass dir nicht von Algorithmen diktieren, was du siehst.